Wetterwissen #31 Impfen schützt – auch vor Hagel?!

Unsere Serie: „Schon gewusst?! Wetterwissen - Teil 31“

Impfen schützt – auch vor Hagel?! Die Sache mit den Abenteurern der Lüfte
 
„Mike-Mike-Charly ruft Golf-Oskar – bitte kommen…! Wo sind die Aufwinde am stärksten…?!“ Dieser Spruch aus dem Cockpit eines einmotorigen Flugzeugs stammt nicht aus einem Actionfilm. Das ist blanke Realität; auch in diesem Sommer – im Süden Deutschlands!
Dort gibt es nämlich seit Jahrzehnten den Fluch des immer wiederkehrenden alles vernichtenden Mega-Hagelunwetters aus den Alpen. Und aus diesem Grunde haben sich die Leid geplagten Menschen dort schon bald nach dem Zweiten Weltkrieg etwas einfallen lassen.
 
Um dem Damokles-Schwert des alljährlich lauernden Unwetters Herr zu werden, hat man eine Art Mini-Raketenbasis an den Osthängen um den Wendelstein am Eingang ins Inntal aufgebaut.
Von dort aus wurden bei aufziehendem Unheil mit Silberjodid gefüllte Raketen in den Himmel geschossen. Sie sollten - und davon war man im Volk fest überzeugt! – die Gewitterwolken vorzeitig zum Ausregnen „animieren“. In einem zehnjährigen Feldversuch ab 1958 konnte ein Rückgang der Hagelschläge von fast 30 Prozent verzeichnet werden. Insgesamt waren damals 140 Hagelschützen, 30 Betreuer der Bodengeneratoren und mehr als 200 Wetter-Beobachter eingesetzt.
 

Quelle: www.hagelabwehr-rosenheim.de
 
Seit einigen Jahrzehnten hat man nun über einen Verein, der enorm viele Mitglieder zählt, zwei Flugzeuge mit tollkühnen Piloten aufgebaut – den so genannten „Verein zur Erforschung der Wirksamkeit der Hagelbekämpfung im Raum Rosenheim e.V.“
 
An den Spitzen der Tragflächen der eingesetzten einmotorigen Flugzeuge sind die beiden Silberjodid-Generatoren für die „Wolkenimpfung“ montiert. Eines der Flugzeuge wurde in Zusammenarbeit mit der Fraunhofer Gesellschaft in Garmisch-Partenkirchen für spezielle luftchemische Messungen ausgerüstet. Das Flugzeug war bereits bei mehreren nationalen und internationalen Mess-Kampagnen im Einsatz.
 

Silberjodid-Generator an der Flugzeugtragfläche; Quelle: www.hagelabwehr-rosenheim.de
 
In mit Silberjodid „geimpften“ Wolken bilden sich Löcher und sogar das Ausfallen von Schnee und Graupelschauern kann beobachtet werden. Zerstörerische Hagelschläge können so ohne schädliche Auswirkungen für Mensch und Umwelt abgewendet werden.
 
Hinter dem Ganzen steckt folgendes pysikalisch-chemisches Prinzip: Aus dem Silberjodid entstehen Milliarden winziger Eiskeime, auf denen sich das unterkühlte Wasser der Gewitterwolke ablagert. Anstelle weniger, großer Hagelkörner bilden sich viele kleine Eiskristall-Körnchen, die bei erfolgreicher Impfung der Gewitterwolke in den bodennahen Luftschichten zu Regentropfen schmelzen und höchstens einen „überraschenden Graupelschauer im Sommer“ verursachen. Aufgrund der extrem geringen Konzentration kann das eingesetzte Silberjodid nicht mehr im Boden nachgewiesen werden.
 

Gewitter-Superzelle; Quelle: sturmwetter.de
 
Silberjodid (AgJ) besitzt eine dem Eis sehr ähnliche kristalline Struktur. In Wolkenkammer-Experimenten fand man um 1950 heraus, dass Silberjodid bereits bei minus 3° Celsius als künstlicher Eis-Keim wirksam wird, d.h. auf seiner Oberfläche lagern sich dann vermehrt Wassermoleküle (H2O) an, die anschließend zu winzigen Eiskristallen gefrieren. Weitere Tests ergaben, dass diese Erkenntnisse auch auf natürliche, atmosphärische Bedingungen übertragbar sind.
 
Je schneller und intensiver Eiskristalle gebildet werden, umso geringer ist das Risiko, dass die entstehenden Tropfen in tiefern Luftschichten zig Mal wie im Fahrstuhl hochgerissen und zu Eiskörnern frieren, wieder runterfallen und erneut hoch gesogen werden. So würde sich sonst Eisschale um Eisschale anlagern – bis am Ende bis zu faustgroße Hagelbrocken (oder „Schlossen“, wie man dort sagt) entstehen und endgütig auf die Erde rasen!
 

Hagelkorn-Querschnitt; Quelle: wikipedia.de
 
Zur Frage der Wirksamkeit gibt es mittlerweile eine Reihe von mehr oder minder seriösen Studien, mit dem Ergebnis: man kann es nicht definitiv sagen! Ist auch klar, denn wie soll man ein und denselben Versuchsaufbau einmal mit und einmal ohne Hagelabwehr fahren?!
Andernorts, wo auch häufig Gewitter mit Hagelschlag stattfinden, wie zum Beispiel in Südtirol um Bozen, in Slowenien und in der Steiermark, in der Ost-Schweiz sowie im Raum Stuttgart (Rems-Murr-Kreis) hat man im Übrigen ebenfalls seit Jahrzehnten Hagelabwehr-Teams aufgestellt.
 
Grundsätzlich scheiden sich die Geister an diesem Thema. Soll und kann sich der Mensch in die Naturgesetze einmischen? Darf er das Wetter beeinflussen? Die einen sagen: Hagelbekämpfung ist reine Glaubensfrage; die anderen sagen: bloß nicht einstellen – wir müssen einfach alles versuchen, was dazu beitragen könnte, das Hagelrisiko zu mindern…!
 
Wie auch immer - wenn Sie aktuell und bei Ihnen vor Ort wissen wollen, ob Unwetterpotenzial bestehen wird, dann klicken Sie sich durch unsere Seite unter www.mr-wetter.de.

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