Wetterwissen #45 "Winter-Killer Atlantik - und warum es dennoch Schneerekorde gibt?!"

Unsere Serie: „Schon gewusst?! Wetterwissen - Teil 45“

Winter-Killer Atlantik - und warum es dennoch Schneerekorde gibt?!
 
Man sollte schon selbst mindestens ein mittlerer Jahrgang sein, um sich bei grundsätzlichem Interesse an Wetter und Klima an einen Winter zu erinnern, der vor Regenmengen, Sturmtagen und Wärmeüberschüssen nur so strotzt, wie der jetzige von 2011 auf 2012!
 
Und in der Tat muss schon weit zurück geblättert werden in den Annalen der Wetteraufzeichungen für Deutschland.Genauer gesagt, war es der Winter 1974/75, der in weiten Teilen Deutschlands das Kunststück zustande gebracht hatte, dass es zum Beispiel im relativ hoch gelegenen München nur auf einen einzigen Eistag gab! Zu Deutsch: von Anfang Dezember bis Ende Februar gab es nur einmal einen Tag mit Dauerfrost, wo also die Maxima ebenfalls unter dem Gefrierpunkt blieben - und dies mit mickrigen minus 1 Grad.
 
Grafik Verlauf der Höchsttemperaturen in München vom 24.10.2011 bis 16.01.2012:

Quelle: wetteronline.de
 
Die üblichen Massenmedien-Kommentare von "Jahrhundert-Rekorden" bis hin zu "das gab's noch nie" sind also mit Vorsicht zu genießen. Dennoch ragt dieser Winter nach einigen deutlich frostigeren und auch im Flachland schneereicheren seiner Art erheblich heraus. So holte der Dezember bundesweit quasi im Zeitraffer das immense Niederschlagsdefizit aus dem tatsächlich rekord-trockenen November (an zahlreichen Orten 0,0 Liter/Quadratmeter; nie zuvor gemessen seit 1881!) mit teilweise 200 % nach. Zugleich war er im Flächenmittel rund 3 Grad zu warm.
 
Doch damit nicht genug. Der Januar steht nach aktuellem Stand seinem Vorgängermonat kaum nach: 3 bis 4 Grad wärmer also normal, vielerorts bereits zur Halbzeit schon über 100 % des Niederschlagssolls - und das nahezu ausschließlich als Regen.
 
Doch hier kommt der kleine, aber feine Unterschied: vor allem die Nordalpen wurden geradezu mit Schneemassen zugeschüttet! Doch warum eigentlich?!
Prägnant und ungewöhnlich ist als Auslöser in der Wetteratmosphäre in rund 5 Kilometern Höhe die seit langem mal wieder sehr starke und vor allem stabile Westdrift von der Ostküste der USA über den Atlantik nach Europa! Nicht einmal Skandinvavien, das Baltikum und die westlichen russischen Bereiche bis zum Ural wurden davon ausgeklammert. Die Sturm- und Orkantiefs wurden gleichsam wie an einer Perlenkette auf einer Rennstrecke über dem Atlantik mit Energie und Feuchtigkeit betankt und brandeten der Reihe nach über dem europäischen Kontinent...
 
Derlei nennt sich in Fachkreisen "zonaler Jetstream" und/oder anhaltend positive nordatlantische Oszillation (NAO). Hier hat gerade in den vergangenen Monaten das Naturgesetz "Alles strebt nach Ausgleich" extrem konsequent und anschaulich zugeschlagen. Zünglien an der Waage ist dabei die "Wärmepumpe Europas", der Golfstrom. Er sorgte fortlaufend dafür, dass wir in weiten Teilen Europas immer wieder dieselben Luftherkünfte verpasst bekamen - mal atlantisch mild, dann wieder feucht-kalt von der Nordsee.
 
Verlauf der NOA (nordatlantische Oszillation) vom 18.09.2011 bis 15.01.2012:

Quelle: wetterzentrale.de
 
Ableger des weitgehend ortsfesten Azorenhochs oder sich verselbständigte Einzelexemplare hatten nur tageweise eine Chance und setzten sich - wenn überhaupt - meist an der für Winterfreaks ungünstigsten aller Positionen fest: über dem Alpenraum, im Mittelmeerbereich oder über Südwesteuropa. Dies bedeutet zwar speziell für die Alpen blockweise Traumwetter mit Sonne satt, knochentrockener Luft und endloser Fernsicht, aber eben auch geringe Chancen auf konsequente Einwinterung in den Niederungen; von Schneedecke und Dauerfrost nördlich der Mittelgebirge ganz zu schweigen...
 
Weiterer Nebeneffekt der wiederholt ähnlichen so genannten "Luftmassen": Durch die oft westliche bis nordwestliche Anströmung des ersten massiven vertikalen Hindernisses auf dem europäischen Festland, dem Alpenbogen, gab es dort mehrere extreme Niederschlagsereignisse durch Stauwirkung! Die Schneefallgrenze schwankte jedoch häufig zwischen höheren Tallagen (700 Metern) und mittleren alpinen Lagen (1200 Metern).
 
Dem entsprechend wurden die gemessenen Schneehöhen im alpinen Bereich zwischen Säntis/Ost-schweiz und Dachstein/Salzburger Land ab dem zweiten Adventswochenende bis Mitte Januar oft um mehrere Meter nach oben katapultiert! Die TV-Bilder von den abgeschnittenen Orten in Vorarlberg sowie die zweit höchste Lawinenstufe sind ja noch bestens präsent. Zugleich startete im Rheinland die Haselpollen-Saison zum Leidwesen der Allergiker auf Frühblüher. Und die Amseln setzten in der Dämmerung im Angesicht der Christbäume auf den Marktplätzen mit Zwitscherkonzerten ein, als stünde der März vor der Tür...
 
Verlauf der Schneehöhen auf der Zugspitze vom 19.11.2011 bis 14.01.2012:

Quelle: wetteronline.de
 
Fazit: in unseren gemäßigten Breitengraden ist im Grunde an Wetter- und Witterungsabfolgen alles drin - außer Normatlität. Dies ist übrigens klimastatitsich definitiv bewiesen: Der Mittelwert gilt als einer der eher selten vorkommenden Wetterereignisse; egal, ob auf den Halligen oder den Skipisten des Zugspitzplatts...
 
Auch 2012 gilt natürlich: Wenn Sie für Ihre Gegend heraus bekommen wollen, ob und wan vielleicht doch noch der richtige Winter ankommt, dann klicken Sie auf unseren Service-Seiten unter www.mr-wetter.de.

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